Meggis Weg zum Therapiebegleithund
Meggi ist meine vierjährige Chinese Crested Dog-Dame (Varietät: „Hairless“). Als eingespieltes Hund-Mensch-Team haben wir schon so einiges durchgestanden, aber zu unseren Highlights gehört definitiv der Eignungstest und die Ausbildung zum Therapiebegleithund.
Stellt euch die Szene vor: Vier stattliche, pelzige Rüden – ein Königspudel, ein Doodle, ein Labrador und ein stattlicher Mischling können es kaum erwarten, die einzige Hündin im Ring zu begrüßen. Und was macht Meggi? Sie zeigt dezent einen Eckzahn und macht damit den Herrn sehr deutliche, dass eine Begrüßung von oben herab und schon gar nicht so forsch, von ihr unerwünscht ist! Damit nicht genug: Es war Februar, es war kalt, und Meggi erschien im knallpinken Outfit. Sagen wir es so: Die Outfitauswahl war der absolute Eisbrecher und warf bei allen Beteiligten sofort geschätzte einhundert Fragen auf. Nach einer kurzen Aufklärungsrunde über die Rasse und dem dezenten Hinweis auf meine Website, wo viele Informationen über diese interessante und besondere Rasse zusammengetragen sind, ging es endlich an den Eignungstest. Das Ergebnis? Ein absolut grandioser Test mit einer bahnbrechenden Erkenntnis: „Madame setzt sich nicht in den Dreck!“ Ein „Sitz“ gab es nur in der stark abgemilderten Schwebe-Variante (bloß nicht den Hintern unterkühlen!), und ein „Platz“ wurde von Meggi kategorisch und mit erhobenem Haupt abgelehnt. Das Prüferteam und meine Hundetrainerin befanden: „Madame braucht künftig eine Decke“!
In den darauffolgenden Monaten hieß es dann: großes Theorie-Büffeln für mich und intensives Training für Meggi – und das Ganze natürlich stilecht bei Wind, Wetter und jeder Menge grauem Regenwetter. Auf dem Stundenplan für uns Zweibeiner standen unter anderem diese Überlebensfragen:
- Hunde-Paragraphen-Dschungel: Welche Gesetze muss ein Hundehalter kennen?
- Dr. Dolittle für Fortgeschrittene: Alles über die Hundegesundheit und Erste Hilfe am Hund
- Der Hund-Deutsch-Übersetzer: Wie lese ich die Körpersprache meines Hundes richtig?
- Hunde-Gehirn-Akrobatik: Wie lernt mein Hund eigentlich und wie überliste ich seinen Dickkopf?
- Die Generalprobe: Wie bereite ich einen echten Therapieeinsatz so vor, dass am Ende alle glücklich sind?
Und als ob das theoretische Lernen im Regen nicht schon gereicht hätte, kam der Tag der Abrechnung: ich musste eine handfeste schriftliche Theorie-Prüfung ablegen. Wer jetzt an ein entspanntes Kreuzchen-Machen im Multiple-Choice-Modus denkt, liegt komplett falsch! Es hieß: ganz klassische Abfrage mit handschriftlicher Ausarbeitung vor Ort. Eineinhalb Stunden lang lief mein Gehirn auf absoluten Hochtouren und kam so richtig in Wallungen – aber ganz ehrlich? Das tat nach der ganzen Zeit auch mal wieder richtig gut!
Die Praxis: Zwischen Gehorsam und Putz-Robotern
Der praktische Teil der Ausbildung war ein echtes Kontrastprogramm in zwei Akten. Im ersten Modul ging es an den klassischen Grundgehorsam auf dem Hundeplatz. Wir übten die perfekte Leinenführigkeit, entspannte Hundebegegnungen und das absolute Nervenspiel: Warteübungen ohne Frauchen in Sichtweite. Richtig sportlich wurde es bei den simulierten Menschenbegegnungen der „besonderen Art“. Wir wurden mit Passanten konfrontiert, die hektisch, laut oder einfach extrem seltsam waren, komische oder plötzliche Geräusche machten, Meggi bedrängten oder sie im Vorbeigehen sogar in die Haut kniffen. Meggis Blick sprach Bände, aber sie blieb cool.
Für das zweite Modul ging es direkt an die Front: der echte Einsatz im Altenpflegeheim. Unsere Hunde wurden super behutsam an die neue Umgebung herangeführt. Es galt, fremde Gänge zu erkunden, völlig unbekannte Gerüche aufzusaugen und sich mit dem Fuhrpark des Hauses anzufreunden – sprich: Rollstühle, Rollatoren, Prothesen und Krücken. Meggis absolutes Highlight direkt beim ersten Besuch? Ein fleißiger Putzroboter! Das Teil fuhr ihr direkt auf Augenhöhe entgegen und sah aus wie ein fahrender, umgedrehter Mülleimer. Meggi, die geborene Diplomatin, wollte das blinkende Ding natürlich sofort fröhlich und schwanzwedelnd begrüßen. Der Roboter war von so viel nacktem Charme allerdings völlig überfordert, blinkte wild auf und suchte hektisch das Weite.




Von Suppenhühnern und Gänsehaut-Momenten
Die unmittelbare erste Begegnung mit den Bewohnerinnen und Bewohnern startete direkt mit einem absoluten Knaller-Spruch eines Seniors: „In meiner Hühnerzucht kamen die Nackigen damals sofort in die Suppe!“ Da waren sie wieder – die klassischen Vorurteile gegenüber Andersartigem. Ein Glück, dass Meggi kein Deutsch versteht! Statt in der Suppe zu landen, punktete sie lieber mit gnadenlosem Charme. Und hier kam unser absoluter Größenvorteil ins Spiel: Während die großen Hunde im perfekten „Sitz“ mühsam auf Streichelhöhe verharren mussten, machte Meggi es sich einfach direkt bequem. Sie durfte auf den Schoß der Bewohner klettern oder nahm majestätisch auf den Rollatorsitzen Platz. Damit ihre Krallen niemanden verletzten und alles hygienisch bleibt, hatten wir natürlich immer eine eigene Kuscheldecke als Unterlage dabei. Interessant war: Je fortgeschrittener die Demenz der Menschen war, desto vorurteilsfreier begegneten sie Meggi. Eine Begegnung ging mir dabei besonders unter die Haut: Ein sehr in sich gekehrter, dementer Herr brach plötzlich in Tränen aus, als er Meggi inbrünstig umarmte und streichelte. Ein absoluter Gänsehaut-Moment, der zeigt, wie viel diese Hunde bewirken können.
Die Stunde der Wahrheit: Die Abschlussprüfung
Für das große Finale mussten wir drei eigene Konzepte vorstellen und im Vorfeld einüben. Da Meggis Rasse nun mal von Natur aus eine „besondere Haptik“ mitbringt, habe ich unsere Schwerpunkte ganz strategisch im sensorischen und motorischen Bereich angesiedelt. Unsere eigentliche Abschlussübung absolvierten wir mit einer neuen Bewohnerin, die mit Hunden eigentlich so gar nichts am Hut hatte. Beim ersten Kennenlernen herrschte noch so viel Respekt, dass gerade einmal eine vorsichtige Berührung drin war. Doch bei der Prüfung – für sie der Zweite-Hundekontakt – die Überraschung: Die Dame war wie ausgewechselt, absolut aufgeschlossen und erwartete Meggi schon voller Vorfreude!
Der Plan: Die Bewohnerin sollte ein kleines Säckchen werfen. Darin steckte ein weicher Gegenstand, den sie ertasten sollte nachdem Meggi ihn apportiert hatte. Da die Aufgabe für die Seniorin etwas zu komplex wurde, haben wir sie spontan vereinfacht: Der Gegenstand wurde herausgenommen und von der Dame einfach freudig benannt. Das Ergebnis? Ein kollektives, glückliches Lächeln bei allen Beteiligten, über die Wortwahl der Dame! Meggi zeigte sich völlig vorbehaltlos begeistert. Auch wenn das Säckchen am Ende nur einen schlappen Meter weit flog, wurde es von ihr fachgerecht und „artgerecht erlegt“ – also kräftig geschüttelt –, bevor sie es stolz zu mir brachte, um ihre Gage einzufordern. Danach mussten wir die Situation simulieren, dass ich den Raum verlasse und Meggi alleine auf ihrer Decke für 1-2 Minuten wartet. Im Hof der Einrichtung erwartete uns eine Seniorin in einem elektrischen Rollstuhl. Meggi sollte mit lockerer Leine neben dem fahrenden Rollstuhl herlaufen.
Was dann auf dem Hundeplatz folgte, hatte es wirklich in sich. Ein bunter Parcours voller Herausforderungen: saubere Leinenführigkeit, hautnahe Begegnungen mit fremden Hunden und ein echter Schreckmoment, als plötzlich ein Mann mit Kapuze und Schaufel laut auf uns zukam. Meggi musste Nerven aus Stahl beweisen – egal ob in einer engen Menschengasse (inklusive unerwartetem Knuff in den Po!), im Lärmparcours oder bei der Simulation mit einer verletzten, am Boden liegenden Person. Auch der Umgang mit einer sehr hektischen Person im Sitzen, medizinisches Training und sanfte Streicheleinheiten gehörten dazu. Kein Wunder, dass Meggi nach diesem fünfstündigen Prüfungsmarathon am Ende nur noch eins wollte: ab ins Körbchen!
Die Prüferinnen bewerteten jedes Team mit Punkten, wobei ein Schnappen oder Beißen des Hundes ein striktes Ausschlusskriterium darstellte. Von den Hundeführer*innen wird verlangt, die Grenzen des Hundes feinfühlig zu erkennen und in kritischen Momenten schützend einzugreifen. Die Bewertung umfasste daher neben der Umsicht und Organisation der Hundeführer*innen vor allem das harmonische Zusammenspiel, die Kommunikation im Team und die Freude des Hundes.
Mein persönliches Fazit der Ausbildung:
- Ein kleiner Hund senkt die Hemmschwelle beim Erstkontakt für ängstliche Menschen enorm.
- Nackte Haut ist für jeden sehr besonders, nicht selten werden spontane Emotionen freigesetzt.
- Ein nackter Hund kann einfacher vorbereitet werden, um auch im Bett eingesetzt zu werden
- Der vermeintliche wärmere Kontakt durch die Haut des CCD, wird als wohltuend empfunden
- Kleine Hunde können direkt auf dem Schoß sitzen, so kommt es zu einem sehr persönlicheren Kontakten
…und einige persönliche Erfahrungen zu meinem Hund:
- Ein Chinese Crested Dog tut absolut alles für dich – vorausgesetzt, die Bezahlung stimmt! In Meggis Fall reden wir hier von frischen Würstchen, Käse oder Lachs. Mit schnödem Trockenfutter oder Standard-Leckerlis aus der Tüte braucht man einer Diva gar nicht erst kommen!
- „Sitz“, „Platz“ und „Warten“ lässt sich auf einer bequemen kleinen Decke besser absolvieren und aushalten.
- Es berührt das Herz zutiefst zu sehen, mit welcher Leichtigkeit, Lebensfreude und spielerischen Eleganz ein ausgeglichener Chinese Crested seine Aufgabe in der therapeutischen Pflege meistert.
Als eng zusammengewachsenes Hund-Mensch-Team haben wir durch offene Fröhlichkeit und mit viel Charme ganz natürlich neue Fans für diese charmante Rasse gewonnen.
Jetzt möchte ich die gewonnenen Erkenntnisse in der Praxis anwenden. Geplant ist ein Projekt zum Angstabbau bei Kindern sowie eine Weiterbildung für den Einsatz im Hospiz, um dort mit sensibler Art Trost zu spenden.

Da die Ausbildung zum Therapiebegleithund nicht geschützt ist, sollte man unbedingt auf einen seriösen Anbieter achten. Viele Institutionen und Vereine bemühen sich um ein einheitliches Ausbildungschema. Ein Eignungstest sollte immer angeboten werden, damit du eine objektive Einschätzung deines Hundes bekommst. Unsere Ausbildung lief über die „Interessengemeinschaft Therapiehund“. Daneben wird die Ausbildung beim DRK oder anderen eingetragene Vereine zu diesem Thema.
Damit du eine erste Einschätzung von dir und deinem Hund erhältst, sind die wichtigsten Kriterien nachfolgend in einem Überblick zusammengetragen:
Voraussetzungen für den Hund
- Wesen und Temperament: Hohe Toleranzschwelle, Gelassenheit und absolute Aggressionsfreiheit.
- Menschenbezogenheit: Aufgeschlossenes, freundliches und kontaktfreudiges Verhalten gegenüber Fremden.
- Belastbarkeit: Keine Schreckhaftigkeit bei lauten Geräuschen, hektischen Bewegungen oder ungewohnten Gegenständen (z. B. Rollstühlen).
- Gesundheit: Vollständiger Impfschutz, regelmäßige Entwurmungen und Freiheit von ansteckenden Krankheiten oder chronischen Schmerzen. (Für den Einsatz in Sozialen Einrichtungen ist eine Tollwutimpfung zwingend erforderlich)
- Grundgehorsam: Beherrschung der Basiskommandos und eine sehr gute Leinenführigkeit.
- Alter: In der Regel ein Mindestalter von 12 bis 24 Monaten (je nach Anbieter) bei Ausbildungsbeginn. (Meine persönliche Einschätzung ist, lieber etwas später als zu früh, gerade für den Chinese Crested Dog)
- Keine gesteigerte Wachsamkeit: Kein ausgeprägtes Schutz- oder Revierverhalten.
Voraussetzungen für den Menschen
- Empathie und Geduld: Einfühlungsvermögen im Umgang mit pflegebedürftigen, kranken oder dementen Menschen.
- Hundekenntnis: Fähigkeit, die Körpersprache und Stresssignale des eigenen Hundes jederzeit richtig zu deuten.
- Teamfähigkeit: Enge Bindung und Vertrauensverhältnis zum eigenen Hund, um ihm im Einsatz Sicherheit zu geben.
- Theoretisches Interesse: Bereitschaft, umfassendes Wissen über Hundegesundheit, Lernverhalten, Gesetze und Einsatzplanung zu lernen.
- Psychische Stabilität: Belastbarkeit im Umgang mit Schicksalen oder schwierigen Situationen in Einrichtungen.
- Führungszeugnis je nach Einrichtungsträge
